Warum das Geschlecht des Kindes Eltern enttäuschen kann – und was dahintersteckt
Claudia SeidelEin Junge? - Warum einige Eltern damit hadern - Warum das Geschlecht des Kindes Eltern enttäuschen kann – und was dahintersteckt
Eltern fühlen sich mitunter enttäuscht, wenn das Geschlecht ihres Kindes nicht ihren Erwartungen entspricht. Diese Reaktion, die in den sozialen Medien mittlerweile unter dem Hashtag #GenderDisappointment diskutiert wird, spiegelt tief verwurzelte gesellschaftliche Einstellungen wider. Studien zeigen zudem, dass sich weiterhin Unterschiede darin zeigen, wie Jungen und Mädchen in der Schule abschneiden, welche Löhne sie verdienen und welchen psychischen Herausforderungen sie gegenüberstehen.
In Deutschland haben Mädchen in den letzten zwei Jahrzehnten durchgehend bessere Noten erzielt als Jungen. Bis 2020 lag der durchschnittliche Abitur-Durchschnitt der Mädchen bei 2,3, während Jungen im Schnitt auf 2,7 kamen. Doch in standardisierten Tests wie PISA schnitten Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften leicht besser ab. Gleichzeitig empfahlen Lehrer seltener Jungen für höhere Bildungsgänge – der Anteil sank von 48 auf 42 Prozent –, während die Empfehlungen für Mädchen von 52 auf 58 Prozent stiegen.
Verhaltensunterschiede zeigen sich bereits früh: Jungen fallen häufiger durch störendes Verhalten in der Schule auf und erhalten öfter die Diagnose ADHS. Mädchen leiden dagegen stärker unter Ängsten und Depressionen. Klischees malen Jungen als wild und weniger schulisch erfolgreich, während Mädchen oft als anpassungsfähiger und fleißiger gelten.
Diese Wahrnehmungen setzen sich im Erwachsenenalter fort. Frauen verdienen im Schnitt weniger pro Stunde, unter anderem, weil sie mehr unbezahlte Pflegearbeit für Kinder oder ältere Angehörige übernehmen. Dennoch garantiert eine Tochter nicht automatisch Unterstützung für die eigenen Eltern im Alter. Einige Studien deuten sogar auf eine wachsende Bevorzugung von Töchtern in westlichen Kulturen hin – verbunden mit diesen geschlechtsspezifischen Erwartungen.
Elterliche Hoffnungen prallen nicht selten auf die Realität. Viele wünschen sich Kinder, die sich nahtlos in ihr Leben einfügen, doch starre Vorstellungen führen mitunter zu Enttäuschung, wenn das Geschlecht des Kindes nicht dem eigenen Bild entspricht.
Die Kluft zwischen Jungen und Mädchen in Bildung und psychischer Gesundheit bleibt spürbar. Mädchen schneiden in Schulnoten zwar besser ab, stoßen aber nach wie vor auf Hürden bei Empfehlungen für höhere Bildungswege. Gleichzeitig belasten Lohnungleichheiten und Pflegeverantwortung Frauen weiterhin stärker. Diese Entwicklungen zeigen, wie tief verankert Geschlechterrollen Chancen – und Enttäuschungen – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter prägen.