Skandal, Triumph und Verbot: Das Schicksal von Nurejew am Bolschoi-Theater
Claudia SeidelSkandal, Triumph und Verbot: Das Schicksal von Nurejew am Bolschoi-Theater
Das Ballett Nurejew feierte im Dezember 2017 seine umstrittene Premiere am Moskauer Bolschoi-Theater. Die Produktion, die das Leben des legendären Tänzers Rudolf Nurejew würdigt, war von Anfang an von politischen Turbulenzen geprägt – darunter die Verhaftung ihres Regisseurs nur wenige Monate vor der Eröffnung. Trotz dieser Hindernisse entwickelte sich das Stück zu einem großen Publikumserfolg, doch seine Zukunft in Russland sollte später ein jähes Ende finden.
Das Ballett zeichnet Nurejews außergewöhnlichen Werdegang nach – von seiner frühen Ausbildung bei Lehrer Alexander Puschkin bis zu seiner spektakulären Flucht nach Frankreich. Der 1938 geborene Tänzer stieg zu weltweiter Berühmtheit auf, bevor er 1993 an den Folgen von AIDS starb. Das Bühnenbild spiegelt sein exzentrantes Leben wider: mit männlichen Akten alter Meister, Thonet-Stühlen, Sofas von Maria Callas und Anspielungen auf seine private italienische Insel.
Der Choreograf Juri Possochow, ein in der Ukraine geborener US-Bürger, gestaltete die Tanzabfolgen, während Regisseur Kirill Serebrennikow die kühne Vision prägte. Doch Serebrennikow wurde am 22. August 2017 unter dem Vorwurf der Veruntreuung festgenommen – ein Vorwurf, der weithin als politisch motiviert galt, da er seine Homosexualität offen lebte. Unter Hausarrest konnte er die Premiere nicht besuchen, und das Ballett stand nach der umstrittenen Generalprobe kurz vor der Absage.
Obwohl die Moskauer Aufführungen 2017 gefeiert wurden, änderte sich das Schicksal der Produktion 2023: Die russischen Behörden verboten sie im Rahmen von Gesetzen gegen die "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen". Der zweite Akt, trotz glanzvoller Soli und großer Ensemblenummern, erreichte nie ganz die emotionale Wucht des ersten.
Eine frühe Fassung von Nurejew war bereits 1995 am Berliner Staatsballett uraufgeführt worden, Jahre nach der Versteigerung des Nachlasses des Tänzers. Doch die Bolschoi-Inszenierung von 2017 bleibt die meistdiskutierte – sowohl wegen ihrer künstlerischen Qualität als auch ihrer verwickelten politischen Geschichte.
Die russische Premiere markierte einen Höhepunkt für das Bolschoi-Theater, trotz der juristischen Probleme und späteren Verurteilung des Regisseurs. Das Verbot 2023 im Zuge der LGBTQ+-Restriktionen beendete die Aufführungen im Land. Während Possochows Choreografien weiterhin im Repertoire des Theaters bleiben, ist Nurejew selbst von russischen Bühnen verschwunden.






