Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR die Erinnerung tilgte
Claudia SeidelHalberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR die Erinnerung tilgte
Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht die getilgte jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit. In „Verweigerte Erinnerung“ zeigt er, wie die einst blühende neo-orthodoxe Gemeinde der Stadt unter der NS-Herrschaft zerstört – und später unter dem Staatssozialismus vergessen wurde. Seine Forschung stellt zudem lang gehegte Annahmen über die antifaschistische Politik der DDR infrage.
Der Niedergang Halberstadts begann laut dem örtlichen Pfarrer Martin Gabriel mit der Zerstörung der Synagoge 1938. Unter den Nationalsozialisten wurde die jüdische Gemeinde der Stadt – ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxie – systematisch zerschlagen. Später, in der DDR, wurden die verbliebenen Spuren jüdischen Lebens weiter unterdrückt, trotz des offiziellen antifaschistischen Selbstverständnisses des Regimes.
Grafs Untersuchungen wurden unter anderem durch den Verkauf der Rathauspassagen 2018 angestoßen, der Gerüchte über eine angebliche „Verschacherung an Juden“ auslöste. Seine Erkenntnisse belegen, dass die DDR trotz immaterieller jüdischer Kulturspuren – wie den Schallplatten von Lin Jaldati oder Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – institutionelles jüdisches Erbe aktiv auslöschte. Selbst das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt, für das 1949 eine Gedenkstätte errichtet worden war, wurde in den 1970er-Jahren umgenutzt: Sein Tunnelsystem diente fortan als Militärdepot der Nationalen Volksarmee.
Auch die Gedenkstätte selbst erfuhr Veränderungen. 1969 neu gestaltet, wurde sie zu einem Ort staatlich inszenierter Treueschwüre – direkt über den Gräbern von Häftlingen erbaut. Graf plädiert dafür, sowohl den rechtsextremen als auch den linksautoritären Antisemitismus kritisch zu hinterfragen. Sein Buch fordert eine Überprüfung veralteter Analyseansätze zur Erforschung von Faschismus und jüdischer Verfolgung.
Grafs Arbeit deckt eine bewusste Lücke in der historischen Erzählung der DDR auf. Die antifaschistische Rhetorik des Regimes mündete nicht in die Bewahrung jüdischen Erbes in Halberstadt. Stattdessen wurde die Vergangenheit der Stadt erst durch Zerstörung, dann durch ideologische Gleichgültigkeit begraben.






