16 March 2026, 20:06

Dresdner Obergraben-Druckerei: Wie Künstler in der DDR heimlich Freiheit druckten

Ein detailliertes Zeichnung des Museums für Kunst in Berlin, Deutschland, das ein Gebäude mit zahlreichen Fenstern und einen prominenten Turm zeigt, begleitet von beschreibendem Text auf dem Papier.

Dresdner Obergraben-Druckerei: Wie Künstler in der DDR heimlich Freiheit druckten

In den 1970er-Jahren schuf eine Gruppe von Künstlern im streng kontrollierten Dresden einen seltenen Freiraum für kreative Entfaltung. Eberhard Göschel, Peter Herrmann und Jochen Lorenz verwandelten eine kleine Druckwerkstatt in ein weit ambitionierteres Projekt. Ihre Initiative, die Dresdner Obergraben-Druckerei, entwickelte sich zu einem stillen Zentrum des Experiments in der streng reglementierten Kulturszene der DDR.

Alles begann mit einer gemeinsamen Frustration. Lorenz, ein versierter Drucker, hatte genug davon, Routinedokumente wie Fahrpläne herzustellen. Göschel und Herrmann, bereits aktiv in Dresdens Underground-Kunstszene, erkannten eine Chance. Als Göschel 1978 in ein größeres Atelier umzog, hinterließ er eine Dreizimmerwohnung – den perfekten Ort für ihre Pläne.

Noch im selben Jahr eröffneten die drei offiziell die Obergraben-Druckerei. Sie fungierte als Hybrid: teils Künstlerkollektiv, teils Druckwerkstatt, teils Galerie. Der Staat gewährte zwar Subventionen, doch die Gruppe bewahrte sich ein gewisses Maß an Autonomie, indem sie ihre Arbeit im Rahmen der kulturellen Vorschriften präsentierte. Sie veröffentlichten Druckgrafiken, veranstalteten Ausstellungen und förderten Kooperationen – und schufen so eine Nische, in der Kreativität trotz politischer Restriktionen gedeihen konnte.

Ein zentrales Stück Ausrüstung steuerte Herrmann bei: eine italienische Druckerpresse aus dem Jahr 1908, die Bernhard Theilmann mühevoll restauriert hatte. Diese historische Maschine wurde zum Herzstück ihrer Arbeit. Gleichzeitig verfügte das Kollektiv über weitreichende Verbindungen. A.R. Penck, eine weitere prägende Figur der Dresdner Kunstszene, entwickelte in dieser Zeit seine Theorie Vom Untergrund zum Oberground. Bereits 1971 hatte Penck die einflussreiche Künstlervereinigung Lücke mitgegründet, die sich 1976 auflöste. Sowohl er als auch das Obergraben-Team gehörten zur Arbeitsgruppe des Leonhardi-Museums, das für seine mutigen, unkonventionellen Ausstellungen bekannt war.

Die Dresdner Obergraben-Druckerei bestand Jahre lang als ein halb-offizielles, doch radikales Experiment. Sie bot Künstlern eine Plattform, um außerhalb der staatlichen Hauptströme zu arbeiten – und doch innerhalb des Systems zu funktionieren. Das Erbe der Werkstatt bleibt ein Beweis dafür, wie Kreativität selbst in einem System, das sie einzuschränken suchte, Wege fand, sich zu behaupten.

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